Die Ex

«Wir können sie nicht einfach hierlassen. Komm hilf mir mal!» Hailey hört die Stimmen nur ganz leise. Sie steht vor dem Gebäude in dem sie arbeitet, die Kaffeetasse in der rechten, die Zigarette in der linken Hand. Der Regen nieselt auf ihre braunen Haare nieder. 

«Los, mach endlich, steh nicht so hilflos rum!» Hailey hört ein Poltern. Der Mann, zu dem die tiefe und sehr raue Stimme gehört, wird wütend. Die Geräusche sind nahe. Hailey läuft ein paar Schritte der Strasse entlang und bleibt neben einem Haus stehen, bei dem das Kellerfenster gekippt steht. Von hier müssen die Stimmen kommen. Normalerweise würde sie das nicht weiter interessieren doch heute, an diesem noch so langweiligen Tag, erwecken diese Stimmen ihre Aufmerksamkeit. Denn normalerweise passiert in dieser Stadt weniger als nichts. Durch die Backsteine hört Hailey die Stimmen klar, durch das Fenster schauen getraut sie sich aber nicht. «Evan, ich glaube da draussen ist jemand», sagt eine zweite, etwas höhere Männerstimme. «Ich geh mal nachschauen.» Wie angewurzelt bleibt Hailey stehen. Nach ein paar Sekunden, die sich wie eine halbe Ewigkeit angefühlt haben, bewegen sich ihre Beine endlich. So schnell sie kann rennt sie zurück zu ihrem Büro. Nur noch weg hier!

Zufluchtsort Bar

Mit einem Schrecken fährt Hailey von ihrem grünen Sofa hoch, der Fernseher läuft immer noch. Sie muss eingeschlafen sein. Die Ereignisse vom heutigen Tag haben sie in ihrem Schlaf verfolgt und führten zu einem bösen Albtraum. Entschlossen schnappt sich Hailey ihre Jacke und läuft im Regen zum nächstgelegenen Pub los, in der Hoffnung auf ihre Arbeitskollegen zu treffen.

Hailey schaut sich im Pub um, kann ihre Kollegen aber nicht finden. Zurück nach Hause will sie aber auch nicht, also setzt sie sich an die Bar und bestellt sich ein Ale. Neben ihr setzt sich eine Frau an die Bar. «Alleine hier?», fragt diese und Hailey nickt. Ihr ist nicht nach reden zumute. Die Frau ist gut gekleidet, grossgewachsen und ihre schwarzen Haare trägt sie zusammengebunden. Schweigend sitzen sie nebeneinander und trinken ihre Getränke.

Eine Stunde ist sicher schon vergangen, sagt die fremde Frau zu Hailey: «Ich bin Aria.» «Hailey» «Ich mache mich auf den Nachhauseweg», sagt Aria und schaut Hailey mit ihren funkelnden Augen an. «Falls du mitkommen möchtest», fügt sie noch an. Hailey zögert einen Moment, legt dann das Geld auf den Tresen für ihr Bier. «Gehen wir!» Die beiden laufen nebeneinander durch die spärlich beleuchteten Strassen, bis Aria vor einem Haus anhält. «Kommst du noch mit rauf?», fragt Aria. Sie packt Haileys Hand, zieht sie näher an sich ran und küsst sie leicht.

Auf der anderen Seite der Backsteine

So leise wie möglich sammelt Hailey ihre Kleider vom Fussboden zusammen, Aria schläft noch friedlich und Hailey will sie nicht aufwecken. Leise öffnet sie die Tür vom Schlafzimmer, schleicht auf leisen Sohlen weiter. Plötzlich merkt sie, dass sie nicht alleine ist. «Wo soll’s denn hingehen junge Dame?» Hailey schaudert. Diese raue und tiefe Stimme kennt sie. Das ist Evan, der Mann, den sie gestern belauschte. Versteinert bleibt sie stehen und schaut auf. Vor ihr steht ein Mann mittleren Alters, seine Arme vor der Brust verschränkt. «Ich ähm..» Hailey gerät ins Stottern. «Ab in den Keller mit ihr», befiehlt der Mann und wie aus dem Nichts taucht ein zweiter Mann auf, der sie von hinten packt und mit sich zieht. Um sich schlagen nützt nichts, der Mann ist ihr körperlich um einiges überlegen. Im Keller angekommen setzt der Mann Harley auf einen Stuhl, bindet sie fest und verlässt den Raum wieder.

Auf einer Seite hat es ein Fenster, durch welches sie durchklettern könnte. Das gleiche Fenster, wodurch sie Evan und der andere Mann am Tag zuvor belauschte. In einer dunklen Ecke kann sie einen Tisch erkennen. Etwas liegt auf diesem Tisch. Vor Schock kippt Hailey fast um. Auf dem Tisch liegt eine Frauenleiche. Zerstückelt und voller Blut. Während sie gestern ahnungslos auf der anderen Seite dieser Wand stand, zerstückelten die beiden Männer also eine Leiche.

Mit einem Knarren geht die Tür auf und Harley dreht sich erschrocken um. Es ist Aria, gefolgt von Evan. «Du dumme Schlampe lernst es einfach nie. Ich bin die einzige Person in deinem Leben», sagt Evan und bindet Aria am Tischbein fest.

«Was ist hier los?», fragt Hailey, nachdem Evan den Raum verlassen hat. «Wer ist die tote Frau?» «Das ist Emma, meine Ex», schluchzt Aria. «Sie kam gestern vorbei und Evan verlor seine Beherrschung, geh! Rette dich so lange du noch kannst.» Hailey schafft es, aus den Fesseln rauszukommen und kniet sich neben Aria, um diese auch loszubinden. Die Frauen hören Schritte näherkommen. «Das ist Evan, geh endlich! Ich komme schon klar», sagt Aria. Hailey schnappt sich den Stuhl, an dem sie soeben noch festgebunden war, schlägt das Fenster ein, klettert hindurch und rennt so schnell sie kann davon. Sie hört Aria schreien und spurtet weiter, bis die Schreie aufhören und Leere eintritt.